Gebirgsökosysteme zählen zu den anspruchsvollsten Lebensräumen für bestäubende Insekten. Niedrige Temperaturen können ihre Aktivität bei der Nahrungssuche einschränken, den Energieaufwand für den Flug erhöhen und die Überlebensfähigkeit bestimmter Arten in großen Höhen begrenzen. Daher können in diesen Umgebungen selbst geringe thermische Vorteile einen entscheidenden Unterschied machen.
Frühere Studien haben gezeigt, dass Blüten weit mehr sind als passive Strukturen, die Nektar und Pollen produzieren. Ihre Farbe, ihr Duft und ihre Form können das Verhalten von Bestäubern beeinflussen. Heutzutage haben Forscher herausgefunden, dass manche Blüten durch die Absorption von Sonnenlicht und die Speicherung von Wärme auch warme Mikroklimata schaffen können. In kalten Umgebungen bieten diese Blüten-Hotspots Insekten eine wertvolle Wärmequelle.

Insekten scheinen diese Temperaturunterschiede wahrnehmen zu können: Experimente haben gezeigt, dass Bienen und Fliegen oft wärmere Blüten bevorzugen, insbesondere bei kühlem Wetter. Indem sie wärmere Blüten anfliegen, können sie möglicherweise den Energieaufwand für das Aufwärmen ihres Körpers vor dem Flug reduzieren, wodurch sie länger aktiv bleiben und effizienter Nahrung suchen können.
Trotzdem bleibt eine wichtige Frage ungeklärt. Die meisten Studien konzentrierten sich auf einzelne Pflanzenarten, Laborexperimente oder künstlich erwärmte Blüten. Zwar war bekannt, dass Blüten warm sein können und Insekten Wärme mitunter bevorzugen, doch fehlten Belege dafür, ob diese Effekte unter natürlichen Bedingungen ganze Pflanzen- und Bestäubergemeinschaften beeinflussen können.
Um diese Lücke zu schließen, Joshua M. Coates und sein Team untersuchte eine ganze Lebensgemeinschaft von Gebirgspflanzen und ihren Insektenbesuchern in den australischen Alpen.Mithilfe der Infrarot-Thermografie, einer Technik, die Wärme misst, ohne die Organismen zu stören, haben sie die Temperaturen von Hunderten von Blumen und ihren Blütenbesuchern in der alpinen Landschaft gemessen.
Sie stellten fest, dass die meisten Blumen wärmer waren als die Umgebungsluft, wobei einige Arten, wie zum Beispiel Craspedia aurantia und Oxylobium ellipticumDabei erreichten sie Temperaturen, die bis zu 10 °C über der Umgebungstemperatur lagen. Trockene und sonnige Bedingungen verstärkten diesen Effekt und verwandelten einige Blüten in winzige Solarkollektoren.

In einer Landschaft, in der kalte Temperaturen Flug- und Nahrungsaufnahme einschränken, scheinen diese wärmenden Blüten als winzige thermische Zufluchtsorte zu fungieren. Bei kühlerem Wetter zogen die am stärksten erwärmten Blüten deutlich mehr Insektenbesucher an, insbesondere Fliegen. Da Fliegen oft zu den wenigen Bestäubern gehören, die unter kalten Gebirgsbedingungen aktiv sind, kann ihnen der Zugang zu wärmeren Blüten helfen, den Energieaufwand zum Erreichen der Flugtemperatur zu reduzieren.
Allerdings waren nicht alle Blüten gleich gut darin, Wärme zu speichern. Die Forscher stellten fest, dass diese Fähigkeit von der Blütenform abhängt. Runde, kelchförmige und sternförmige Blüten erwärmten sich am stärksten, während röhrenförmige und glockenförmige Blüten nur geringfügig wärmer blieben als die Umgebungsluft.
Der Grund dafür liegt in der einfachen Physik. Kelch- und kugelförmige Blüten richten ihre Oberfläche oft direkt zur Sonne aus, wodurch sie mehr Sonnenenergie einfangen und speichern können. Gleichzeitig bilden sie geschützte Luftpolster, die den Wärmeverlust reduzieren. Röhren- und glockenförmige Blüten hingegen sind der Sonne weniger ausgesetzt und daher weniger effektiv beim Aufnehmen und Speichern von Wärme.
Diese Ergebnisse legen nahe, dass Wärme selbst, ähnlich wie Pollen und Nektar, als Belohnung für Blüten fungieren kann. Insekten wählen bestimmte Blüten also möglicherweise nicht nur aufgrund ihres Nahrungsangebots, sondern auch, weil diese ihnen helfen, unter schwierigen Bedingungen aktiv zu bleiben. Auch für Pflanzen ist dies von Vorteil, da die Anlockung von mehr Bestäubern die Chancen auf eine erfolgreiche Fortpflanzung erhöht.

Da der Klimawandel die Wettertemperaturen und -muster in Gebirgsregionen weiterhin verändert, wird das Verständnis dieser kleinräumigen thermischen Zusammenhänge immer wichtiger. Veränderungen in der Blütengemeinschaft könnten nicht nur die Verfügbarkeit von Nektar und Pollen, sondern auch die thermischen Rückzugsgebiete beeinflussen, auf die Insekten angewiesen sind.
Diese Studie erinnert uns letztlich daran, dass Ökosysteme von verborgenen Wechselwirkungen geprägt werden, die oft unbemerkt bleiben. Manchmal entscheidet die Wärme einer einzigen Blüte darüber, ob ein Insekt auffliegt oder am Boden bleibt.
DER ARTIKEL::
Coates JM, Evans MJ, Scheele BC, Cunningham SA. 2026. Hotspots in kalten Gebirgen: Heißblühende Blumen als Bestäuberrefugien in Gebirgsökosystemen. Functional Ecology 40: 1850-1861. https://doi.org/10.1111/1365-2435.70331
Portugiesische Übersetzung von Victor HD Silva.
Titelbild: Craspedia aurantia im Kosciuszko-Nationalpark, Australien. Foto von Lizards View (iNaturalist, CC BY-NC 4.0).
