Wir hören oft: „Was man nicht schützt, das kümmert einen nicht, und was man nicht erlebt, das kümmert einen nicht.“ Dieser Gedanke ist bedeutsam: Man kann sich nicht um etwas kümmern, das man nicht wahrnimmt. Leider trifft dies auf viele Pflanzen zu: Obwohl sie für das menschliche Wohlbefinden unerlässlich sind, gehen sie im Grünen des Alltags oft unter.

Dies hat zu wachsender Besorgnis geführt, dass das Interesse der Menschen an Pflanzen und ihre Fähigkeit, diese zu benennen, in den letzten Jahrzehnten abgenommen haben könnten. Diese Sorge ist besonders groß in hochindustrialisierten europäischen Ländern wie Deutschland, wo das städtische Leben weit verbreitet ist und viele Menschen im Alltag weniger Kontakt zur Natur haben. Frühere Studien legten nahe, dass Kinder in deutschsprachigen Ländern heute weniger häufige Wildpflanzen identifizieren als Kinder vor einigen Jahrzehnten. Andere Untersuchungen haben zudem ergeben, dass Erwachsene, darunter Biologiestudierende und -lehrer, oft relativ wenige Pflanzenarten kennen.

Doch es gab ein Problem. Die meisten Studien verwendeten unterschiedliche Methoden und befragten verschiedene Personengruppen. Dadurch ist es schwer zu beurteilen, ob das Pflanzenwissen tatsächlich abgenommen hat oder ob die Forscher lediglich unterschiedliche Umfragen verglichen. Um dieses Problem anzugehen, Dr. Petra Lindemann-Matthies Kollegen wählten einen direkteren Weg. Sie wiederholten eine frühere Studie mit demselben grundlegenden Test, um herauszufinden, ob Erwachsene nach 20 Jahren noch häufig vorkommende Wildpflanzen erkennen können.

Acker-Kratzdistel (Cirsium arvense). Foto von Robert Flogaus-Faust (Wikimedia Commons).

Die Forscher verwendeten einen einfachen Test: Sie zeigten Menschen Bilder von Pflanzen und baten sie, diese zu benennen. Die erste Befragung fand im Sommer 2002 in Marburg an zwei Standorten statt: im Botanischen Garten der Universität Marburg und am Eingang des Universitätsklinikums. Der Standort des Klinikums wurde gewählt, da dessen Besucher als näher an der breiten Öffentlichkeit liegend eingeschätzt wurden als die Besucher eines Botanischen Gartens, die möglicherweise bereits ein größeres Interesse an Pflanzen haben.

Zwanzig Jahre später wiederholte das Team den Test. 2022 kehrten sie in denselben botanischen Garten zurück. Sie hatten gehofft, auch die Krankenhausbefragung wiederholen zu können, doch die COVID-19-Beschränkungen machten dies unmöglich, weshalb sie zusätzlich eine Online-Version durchführten. 2023 ergänzten sie die Befragung um eine persönliche Befragung in einem Park in Freiburg im Breisgau. Insgesamt umfasste der finale Datensatz 1558 Erwachsene im Alter von 18 bis 88 Jahren.

Beispiele für Pflanzen, die die Teilnehmer am häufigsten richtig (links) und falsch (rechts) identifizierten. Linke Spalte, von oben nach unten: Löwenzahn, Brennnessel und Gänseblümchen. Rechte Spalte, von oben nach unten: Vogelmiere, Gundermann und Knaulgras. Fotos von Agnes Monkelbaan, Krzysztof Ziarnek/Kenraiz, Öl und Gas, Robert Flogaus-Faust als auch Gzen92, Quelle: Wikimedia Commons.

Jeder Teilnehmer sah Fotos von 15 häufig vorkommenden, in Deutschland heimischen Wildpflanzen. Darunter befanden sich Arten, die voraussichtlich leicht zu erkennen sein würden, wie zum Beispiel der Löwenzahn (Taraxacum officinale), Brennnessel (Urtica dioica) und Gänseblümchen (Bellis perennissowie weniger bekannte Pflanzen wie die Vogelmiere (mittlere Stellarie), Gundermann (glechoma hederacea), Hahnenfuß (dactylis glomerata) und mehrjähriges Weidelgras (Lolium perenne). Es wurden dieselben Fotos in den Jahren 2002 und 2022/23 verwendet, um einen möglichst fairen Vergleich zu ermöglichen.

Die Teilnehmer gaben außerdem ihr Alter, ihr Geschlecht, die Herkunft ihres Pflanzenwissens und die Qualität ihres Wissens selbst an. Anschließend verglichen die Forscher die Ergebnisse über Jahre, Orte und Teilnehmergruppen hinweg.

Was wussten die Menschen also? Die Teilnehmer identifizierten 2002 durchschnittlich 6.47 Arten korrekt, im Vergleich zu 6.51 im Jahr 2022/23. Überraschenderweise hatte sich das Pflanzenwissen seit 2002 nicht verschlechtert. Das widerlegt die gängige Annahme, dass die Menschen in Europa in den letzten Jahrzehnten einfach schlechter darin geworden sind, Pflanzen zu erkennen. Doch diese gute Nachricht hat einen Haken: Die Teilnehmer identifizierten immer noch nur gut 40 % der Pflanzen korrekt. Das Pflanzenwissen ist zwar nicht zusammengebrochen, aber immer noch bescheiden.

Am einfachsten zu erkennen waren Pflanzen, die vielen Menschen früh und häufig begegnen. Löwenzahn, Brennnessel und Gänseblümchen wurden jeweils von über 80 % der Teilnehmenden erkannt. Am anderen Ende des Spektrums standen Vogelmiere, Gundermann, Knaulgras und Deutsches Weidelgras, die weniger als 10 % der Teilnehmenden korrekt benennen konnten. Anders ausgedrückt: Menschen erinnern sich eher an Pflanzen, die farbenfroh, vertraut, lästig oder kulturell präsent sind, während kleine grüne Pflanzen und Gräser oft in Vergessenheit geraten.

Weidelgras (Lolium perenne). Foto von Krzysztof Ziarnek, Kenraiz (Wikimedia Commons).

Das Ergebnis ist daher nicht gerade beruhigend. Jüngere Teilnehmer kannten 2022/23 weniger Pflanzenarten als ältere, und die Kluft zwischen den Altersgruppen war größer als noch vor 20 Jahren. Dies deutet darauf hin, dass das Pflanzenwissen nicht in der gesamten Gesellschaft gleichermaßen verschwindet, sondern insbesondere bei jüngeren Generationen abnimmt. Die Autoren nennen als mögliche Ursachen weniger direkte Naturerfahrung und eine geringere Bedeutung, die der Artenbestimmung im Schulunterricht beigemessen wird.

Die Wissensquellen veränderten sich mit dem Alter. Ältere Teilnehmer gaben häufiger an, ihr Pflanzenwissen durch Gartenarbeit oder andere Freizeitaktivitäten erworben zu haben. Jüngere verwiesen eher auf die Familie oder die formale Bildung. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Pflanzenwissen wächst durch wiederholten Kontakt. Sehen, Anfassen, Gärtnern, Lernen und Benennen tragen dazu bei, anonymes Grün in erkennbares Leben zu verwandeln.

Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse auf ein differenzierteres Problem hin. Es handelt sich nicht um ein plötzliches kulturelles Vergessen, sondern um eine oberflächliche und unausgewogene Beziehung zur alltäglichen Pflanzenwelt. Viele Menschen haben Pflanzen nicht so sehr vergessen, sondern hatten einfach nie genügend Gelegenheit, sie richtig kennenzulernen.

Das ist wichtig, denn der Schutz der Biodiversität hängt von mehr ab als von Fakten über ferne Regenwälder oder bedrohte Tiere. Die Zukunft des Pflanzenschutzes könnte mit etwas so Einfachem beginnen: dem Kennenlernen der Pflanzenwelt direkt vor unseren Füßen. Lindemann-Matthies und ihre Kollegen argumentieren, dass junge Menschen einen direkteren und angenehmeren Kontakt mit Pflanzen brauchen – in Schulen, Gärten, Parks und grüneren Städten. Leuchtende Blumen können den Einstieg erleichtern, doch wahres Bewusstsein erfordert genaueres Hinsehen: Nicht jede gelbe, gänseblümchenartige Blüte ist ein Löwenzahn, und nicht jedes grüne Blatt ist einfach nur „eine Pflanze“. Sobald Menschen benennen können, was sie sehen, wird das alltägliche Grün zur Biodiversität, und Biodiversität wird zu etwas, das es zu schützen gilt.

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Lindemann‐Matthies P, Gellesch T, Matthies D. 2026 Ein Fragebogen – zwei Zeitpunkte: Hat sich das Pflanzenartenwissen von Laien über einen Zeitraum von 20 Jahren verändert? Mensch und Natur. https://doi.org/10.1002/pan3.70331


Spanische und portugiesische Übersetzung von Erika Alejandra Chaves-Diaz.

Titelbild von Jade87 (Pixabay).