In allen Beziehungen, ob zwischen Menschen oder in der Natur, spielt Anziehung eine Schlüsselrolle. Sowohl für Pflanzen als auch für Tiere ist Farbe ein wichtiger Teil der Anziehungskraft. Tiere nutzen Farbe auf vielfältige Weise zur Kommunikation. Leuchtende Farben können Partner anlocken, andere Tiere warnen oder ihnen helfen, sich vor Raubtieren zu verstecken, indem sie sich in ihre Umgebung einfügen. Für Pflanzen dient Farbe als Signal: „Komm her!“. Leuchtende Blüten ziehen Bestäuber wie Bienen, Schmetterlinge und sogar Fliegen an. Mit anderen Worten: Farben sehen nicht nur schön aus – sie helfen Pflanzen und Tieren beim Überleben und der Interaktion.
Die Anziehungskraft von Blüten auf Bestäuber hängt jedoch auch von ihrer Farbwahrnehmung ab. Bienen und Fliegen können beispielsweise ultraviolettes, blaues und grünes Licht sehen und nehmen Farben daher anders wahr als Menschen. Auch der Kontrast zwischen Blüten und Hintergrund spielt eine große Rolle für das Verhalten von Bestäubern.
Grüne Blüten sind recht selten und machen weniger als 10 % der Pflanzenarten weltweit aus. Diese Blüten werden traditionell mit Windbestäubung, da ihnen die leuchtenden, auffälligen Farben fehlen, die Insekten und andere Tiere anlocken. Einige grün blühende Pflanzen können jedoch auch ohne leuchtende Farben Insekten und andere Tiere anlocken. Doch wie nehmen Bestäuber grüne Blüten wahr und wie gelingt es diesen Pflanzen, sich trotz ihrer fehlenden Farbigkeit zu vermehren?

Diese faszinierende Frage steht im Mittelpunkt einer aktuellen Studie von José C. del Valle und sein Team. Mit einem Spektrometer analysierten sie wie grüne und grün-gelbe Blumen Licht unterschiedlicher Wellenlängen reflektieren, insbesondere im ultravioletten (UV) und sichtbaren Spektrum – wichtige Bereiche für das Sehvermögen von Bestäubern.
Die Ergebnisse zeigten, dass grüne Blüten für Bestäuber im Allgemeinen weniger auffällig sind als andere Blütenfarben. Als ihre Reflexionsmuster für das Sehvermögen von Bienen und Fliegen modelliert wurden, fielen die meisten grünen Blüten für Bienen in die Kategorie „grün“ und für Fliegen in die Kategorie „gelb“ oder „violett“. Viele grüne Blüten wiesen jedoch einen geringen Farbkontrast auf, d. h. sie verschmolzen mit dem Hintergrund und waren daher schwerer zu erkennen. Grün-gelbe Blüten hingegen stachen aufgrund ihres deutlich höheren Farbkontrasts stärker hervor und waren daher für Bienen und Fliegen besser sichtbar.
Interessanterweise wiesen grüne Blüten zwar einen geringen chromatischen Kontrast auf, für Bienen jedoch einen höheren achromatischen Kontrast (Helligkeitsunterschiede). Dies deutet darauf hin, dass Bienen grüne Blüten zwar farblich nur schwer unterscheiden können, sie aber dennoch anhand ihrer Helligkeit erkennen können. Für Fliegen, denen ein ausgeprägtes Helligkeitswahrnehmungssystem fehlt, sind grüne Blüten jedoch wahrscheinlich weiterhin schwer zu erkennen. Die erhöhte Sichtbarkeit grün-gelber Blüten hängt mit der Kombination von Pigmenten wie Chlorophyll und Carotinoiden zusammen, die eine entscheidende Rolle bei der Anlockung von Bestäubern spielen.
Die Forscher verglichen außerdem grüne und grün-gelbe Blüten mit anderen Blütenfarben (wie Gelb, Blauviolett, Rosa und Weiß). Sie stellten fest, dass grüne Blüten für Bestäuber am wenigsten sichtbar waren, während grün-gelbe Blüten diesen attraktiveren Farben in ihrer Auffälligkeit näher kamen. Dies deutet darauf hin, dass Grün allein nicht die ideale Farbe ist, um Bestäuber anzulocken, insbesondere wenn man bedenkt, dass andere Blütenarten, wie beispielsweise blau-violette Blüten, einen höheren Farbkontrast aufweisen und daher für Bestäuber leichter wahrnehmbar sind.
Darüber hinaus analysierte die Studie spezifische „Markierungspunkte“ in den Lichtreflexionsmustern der Blüten, die den Wellenlängen entsprechen, die Bestäuber am besten wahrnehmen. Grün-gelbe Blüten wiesen mehr Markierungspunkte in den von Bienen bevorzugten Wellenlängen auf und waren daher besser erkennbar als grüne Blüten. Dies spiegelt die Annahme wider, dass Blüten mit Spektralmustern, die besser auf die visuellen Vorlieben der Bestäuber abgestimmt sind, diese effektiver anlocken.
Diese Ergebnisse widerlegen die Annahme, dass grüne Blüten für Bestäuber unsichtbar sind. Obwohl sie schwerer zu erkennen sind als leuchtendere Blüten, haben viele von ihnen Möglichkeiten entwickelt, Bienen und Fliegen durch Helligkeitskontraste und Pigmentzusammensetzung anzulocken. Dass grüne Blüten trotz ihrer geringeren Sichtbarkeit bestehen bleiben, deutet darauf hin, dass evolutionäre Kompromisse – wie Photosynthese und Stoffwechselkosten – ihre Eigenschaften prägen. Diese Erkenntnisse erweitern unser Verständnis der Blütenevolution und könnten Naturschutzbemühungen unterstützen, insbesondere bei der Vorhersage, wie sich Pflanzen an veränderte Bestäuberpopulationen oder Umweltbedingungen anpassen könnten.
DER ARTIKEL::
Del Valle, JC, León-Osper, M., Domínguez-González, C., Buide, ML, Arista, M., Ortiz, PL, … & Narbona, E. (2024). Grüne Blumen brauchen Gelb, um in einer grünen Welt aufzufallen. Annals of Botany, https://doi.org/10.1093/aob/mcae213
Victor HD Silva

Victor HD Silva ist Biologe und begeistert sich für die Prozesse, die die Interaktion zwischen Pflanzen und Bestäubern prägen. Er erforscht derzeit, wie die Urbanisierung die Interaktion zwischen Pflanzen und Bestäubern beeinflusst und wie städtische Grünflächen bestäuberfreundlicher gestaltet werden können. Für weitere Informationen folgen Sie ihm auf Bluesky und ResearchGate.
Titelbild: Arum by Orchi (Wikicommons).
