Pierre-Oliver Cheptou untersucht zwei scheinbar widersprüchliche Ergebnisse. In den letzten 10 Jahren haben sich gut etablierte Evolutionsmuster herausgebildet. Erstens haben experimentelle Studien gezeigt, dass sich die Selbstbefruchtung wahrscheinlich in wenigen Generationen entwickelt (Mikroevolution). Dies ist eine Reaktion auf den schnellen Umweltwandel. (z. B. Rückgang der Bestäuber) und schließlich die Rettung einer Population. Phylogenetische Studien haben jedoch gezeigt, dass die wiederholte Evolution in Richtung Selbstbefruchtung (Makroevolution) zu einem höheren Risiko des Aussterbens von Linien führt. Langfristig dürfte die sich entwickelnde Selbstbefruchtung nachteilig sein.

In beiden Fällen – der kurz- oder langfristigen Evolution der Selbstbefruchtung – zeigen diese Ergebnisse, dass ein Paarungssystem hinsichtlich des Fortbestands von Populationen oder Abstammungslinien nicht neutral ist. Sie legen zudem nahe, dass Selbstbefruchtung je nach Zeitskala gegensätzliche Auswirkungen haben kann. Dies wirft die Frage auf, ob die Evolution von Paarungssystemen Populationen vor Umweltveränderungen schützen kann. In seinem Übersichtsartikel analysiert Cheptou empirische und theoretische Belege für die direkten und indirekten Auswirkungen von Paarungssystemen auf die Populationsdemografie und den Fortbestand von Abstammungslinien. Er entwickelte außerdem ein einfaches theoretisches Modell zur evolutionären Rettung, um das Potenzial der Selbstbefruchtung für eine solche Rettung zu untersuchen.
Demografische Studien zeigen einen kurzfristigen Vorteil der Selbstbefruchtung durch reproduktive Absicherung, aber einen langfristigen Nachteil für selbstbefruchtende Linien, was auf indirekte genomische Folgen der Selbstbefruchtung (z. B. erhöhte Mutationslast und geringere Anpassungsfähigkeit) hindeutet. Sein theoretisches evolutionäres Rettungsmodell ergab jedoch, dass die Evolution von Paarungssystemen zwar kurzfristig zu evolutionärer Rettung führen kann, aber aufgrund der inhärenten frequenzabhängigen Selektion von Paarungssystemmerkmalen auch evolutionären Selbstmord zur Folge haben kann. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung der Analyse der demografischen Folgen der Selbstbefruchtung, um deren Einfluss auf den Fortbestand von Populationen vorherzusagen und die indirekten genomischen Folgen zu berücksichtigen.
