Pflanzen und Bestäuber funktionieren wie Puzzleteile: Passen sie perfekt zusammen, steigen die Chancen auf eine erfolgreiche Bestäubung enorm. Form, Farbe, Duft und Zeitpunkt einer Blüte haben sich als Hinweise entwickelt, um den richtigen Besucher anzulocken. Diese Merkmalskombinationen nennt man Bestäubungssyndrome, und sie helfen Wissenschaftlern dabei, vorherzusagen, welches Tier diese Aufgabe wahrscheinlich übernimmt.

Durch diese evolutionäre Vermittlung wird sichergestellt, dass der Pollen am richtigen Tier haften bleibt und eine andere Blüte der gleichen Art erreicht – ein Muss für Pflanzen, die sich nicht selbst befruchten können und vollständig auf Fremdbestäubung angewiesen sind.

Doch die Natur hält sich nicht immer an die Regeln. Manche Pflanzen scheinen Teile verschiedener Puzzleteile zu „mischen“ und so mehr als eine Bestäuberart anzulocken. Diese Flexibilität kann lebenswichtig sein, wenn eine bestimmte Art von Besuchern knapp ist, zum Beispiel in einer Jahreszeit, in der Fledermäuse selten sind, oder in Regionen, in denen Kolibris häufiger vorkommen.

Tropische Kletterpflanze Merremia platyphylla mit einer einzelnen hellweißen trompetenförmigen Blüte und mehreren länglichen grünen Samenkapseln zwischen grünen zusammengesetzten Blättern, fotografiert in einem natürlichen Waldlebensraum mit unscharfer grüner Vegetation im Hintergrund.
Merremia platyphylla, eine tropische Kletterpflanze, die vom Forschungsteam um Ernesto Medina untersucht wurde. Foto von huracan (iNaturalist).

Dies wird deutlicher, wenn wir uns ansehen Merremia platyphylla, eine tropische Kletterpflanze mit blassen Blüten, die sich in der Dämmerung öffnen, Nektar absondern und einen leicht moschusartigen Duft verströmen. Genau solche Eigenschaften suchen Fledermäuse im Laufe der Evolution gezielt nach ihnen., Überraschenderweise gab es nie einen bestätigten Nachweis dafür, dass Fledermäuse irgendeine Art ihrer Gattung – oder sogar ihres gesamten Pflanzenstammes – bestäubt hätten.

Diese Wissenslücke erregte die Aufmerksamkeit des Forschers Ernesto Medina und seines Teams. Sie führten eine Studie in Mexiko, um Bestäuber in Aktion zu beobachten und die Wirksamkeit jedes einzelnen zu testen.

Die Studie ergab, dass sich die Blüten am späten Nachmittag öffnen und kurz vor Einbruch der Dunkelheit ihren Höhepunkt der Nektarproduktion erreichen – ein idealer Zeitpunkt für Fledermäuse. Dieses frühe Öffnen gibt Bienen und Kolibris aber auch die Chance, sich als Erste einzuschleichen. Da jede Blüte nur eine Nacht hält, ist der Zeitpunkt der Besuche entscheidend.

Die chemische Analyse zeigte, dass sich der Duft der Blüten mit der Zeit verändert. Nachmittags setzen sie Verbindungen wie Benzaldehyd und Limonen frei, die tagsüber Bestäuber anlocken. Nachts verändert sich die Duftmischung, um Fledermäuse anzulocken: 1-Ethenyl-4-ethylbenzol und 4-Ethylacetophenon werden freigesetzt. Der Nektar verströmt seine eigenen, unverwechselbaren Aromen.

Durch Filmaufnahmen von Blütenbesuchen und das Fangen von Bestäubern bestätigte das Team, dass Bienen, Kolibris, Motten, Schmetterlinge und Fledermäuse die Blüten besuchten. Doch nur Bienen, Kolibris und Fledermäuse berührten die Fortpflanzungsorgane der Blüte. Fledermäuse erwiesen sich dabei als besonders effektiv: Mehrere gefangene Exemplare wurden mit Bestäubungsmittel bestäubt. Merremia platyphylla Pollen

Nahaufnahme einer kleinen braunen Fledermaus mit weißem Pollenkörnerkopf, die in menschlichen Händen neben einer hellgrün-weißen Merremia platyphylla-Blüte gehalten wird. Das dunkle Fell der Fledermaus kontrastiert mit dem staubig-weißen Pollen, der ihr Gesicht und ihren Kopf bedeckt, und unterstreicht ihre Rolle als effektiver Bestäuber.
Eine der im Rahmen der Studie gefangenen Fledermäuse mit pollenbedecktem Kopf. Foto: Victor Rosas-Guerrero.

Bestäubungsexperimente zeigten etwas Entscheidendes: Die Pflanze kann sich nicht selbst bestäuben – nicht einmal mit menschlicher Hilfe. Sie benötigt tierische Besucher, um Früchte zu tragen. Die Kreuzbestäubung von Hand führte zum höchsten Fruchtansatz (80 %), gefolgt von nächtlichen Besuchern wie Fledermäusen (50 %) und schließlich von tagaktiven Besuchern wie Kolibris (24 %). Diese Ergebnisse legen nahe, dass Merremia platyphylla setzt auf eine gemischte Bestäubungsstrategie: Fledermäuse sind die Hauptbestäuber, Kolibris können aber einspringen, wenn Fledermäuse knapp sind. Diese Flexibilität ist nicht nur ein cleverer Trick – sie könnte der Schlüssel zum Überleben in einer sich schnell verändernden Welt sein. Wenn Bestäuber aufgrund von Lebensraumverlust und Klimawandel verschwinden oder ihre Verbreitungsgebiete verlagern, werden Pflanzen wie Merremia platyphylla erinnern uns daran, dass Resilienz oft nicht in der Spezialisierung, sondern in der Anpassungsfähigkeit liegt.

DER ARTIKEL::

Medina, E., Rosas-Guerrero, V., Lara, C., Martínez-Díaz, Y., & Cuevas, E. (2025). Erste Aufzeichnung der Fledermausbestäubung im Jahr Merremia (Convolvulaceae). Pflanzenbiologie. https://doi.org/10.1111/plb.70016

Victor HD Silva ist Biologe und begeistert sich für die Prozesse, die die Interaktion zwischen Pflanzen und Bestäubern prägen. Er erforscht derzeit, wie die Urbanisierung die Interaktion zwischen Pflanzen und Bestäubern beeinflusst und wie städtische Grünflächen bestäuberfreundlicher gestaltet werden können. Für weitere Informationen folgen Sie ihm auf ResearchGate. Victor HD Silva.

Portugiesische Übersetzung von Victor HD Silva.

Titelbild von Victor Rosas-Guerrero.